Ralph Meyer-Ohlenhof (*1949) – ausgebildeter Maler, Bildhauer.

Der Berufsweg des Vaters führt die Familie nach Chile, Santiago. In Ralphs ersten Lebensjahren leuchten Blüten, Sonne, Lachen, Palmen, Strand. 1955 kommt die Familie zurück nach Deutschland. In der Wohnung einer Tante hausen Kind und Eltern zusammen mit anderen. Vor der Tür warten Ruinen und Kälte im zerstörten Grau Münchens. Die Welt schrumpft auf das Treppenhaus – an dessen Ende im 5. Stock öffnet sich eine Tür. Hindurchschlüpfen muss er selbst in dieser Zeit des Umbruchs im Nachkriegsdeutschland.

WER bist Du und WIE war Dein Werden?

Pinsel zu reinigen war das Erste. Ich lernte von Oswald Malura, einer Nachkriegsgröße. Der Schwabing-Mythos umschillerte diesen Maler. Da war ich sechs – in München, einer Stadt voller Regeln und Grenzen und Fremden, die einen anbrüllen – ganz anders als in Santiago.
Eine Krankheit als Bub damals brachte mich raus. Bei Verwandten auf dem Land erlebte ich die totale Freiheit – bis ich zurückkam. Hinter den Mauern von Kloster Schäftlarn im Internat und Gymnasium lernte ich sehr schnell, was ich nicht will.
In den Ferien ging´s nach Italien. Meine Mutter kannte eine Künstlerfamilie in Pietrasanta, dem Ort, von dem Michelangelo seinen Marmor bezogen hatte. Jedenfalls sagt man das dort. Ich verbrachte jedes Jahr dort zwischen Werken und Kunst und Bildhauern, wie Jacques Lipchitz und anderen berühmten. Am Abend bei den Feiern schleppten sie mich mit. Und wenn ich müde wurde, wurden die Stühle zusammengeschoben und darauf schlief ich dann.
Ungefähr in der 9./10. Klasse wechselte ich auf eine Privatschule. Etliche dort wollten und wurden »was anderes« – Schauspieler oder Künstler. Mit 15 brach ich ab und ging auf eine Schule für Grafikdesign (1964) – ein Jahr früher als üblich. Geld verdiente ich mit Freunden, als Musiker in Bars und Tanzlokalen und Clubs der stationierten Amerikaner bis zum Abschluss der Grafikdesignschule.
Meine Abschlussarbeiten in der Hand suchte ich in Florenz an der Akademie nach Mehr – vor allem in der Malerei. Damals wohnten noch die Florentiner in Florenz – und ich bis 1972 in einer kleinen Wohnung im Zentrum, umgeben von Kirchen und Kunst. Mein Stil war anders als die Akademie, aber ich war, ganz pragmatisch: Ich habe das geleistet, was akademisch gefordert war. Ich wollte immer lernen in dieser Zeit des Umbruchs. Und das hab ich. Die strengere Schule dort habe ich gesucht und gewollt – und zwar aus einem Grund: Wenn aus mir nichts wird als Künstler, soll´s nicht dran liegen, dass ich die Technik nicht kann.
Zurück in München ging´s nochmal an die Kunstakademie – dort entstanden Kontakte zu Galerien und anderen Künstlern in München.

FREIHEITEN.
FESSELN. VERZICHT
Welche Hürden musstest du überwinden? Was grenzt dich ein? Was erschwert Dein Leben, womit musst Du Dich arrangieren?
Worauf verzichtest Du?

Ich wusste die ganze Zeit: Mich alleine kann ich immer durchhauen, meine Miete zahlen, mit dem, was ich gelernt hab. Bin immer im Metier geblieben, hab immer da die Aufträge gesucht – irgendwas – wenn auch als Anatomie-Zeichner in der Tierklinik. Mit Familie war das anders: Zwei kleine Kinder und Frau – da habe und musste ich auf die gelernten Grundlagen zurückgreifen. Aufträge – zum Beispiel zur Restauration von Kirchen – brachten den Lebensunterhalt. Mich führten diese Arbeiten dann aber wochenlang weg.
Mittlerweile sind meine Söhne erwachsen, sorgen für sich selbst. So geht das heute auch wieder.
Überwindung war es manchmal bei den Ideen für die eigenen Werke: Manchmal hat man da auch mal eine Flaute, die kann auch mal ein Jahr dauern. Das muss man zulassen. Die Auftragsarbeiten laufen trotzdem weiter, eben weil man seine Grundlagen beherrscht und gerade für solche Sachen arbeitet man sehr strukturiert.
Trotzdem: Dieses Bohemien-Klischee steckte und steckt immer noch in den Köpfen – vor allem in Deutschland. Das Arbeitspensum wird nicht gesehen.
Dürer bemerkte schon früher: In Italien werde ich behandelt wie ein Künstler und ein Herr. In Deutschland wurde ich nur behandelt wie ein Schmarotzer.
In Italien erlebte ich, die Leute zeigten Interesse und Respekt – der Artista war was wert. Das Gegenteil in Deutschland: Als die Verwandtschaft auf dem Land mitkriegte, was ich mache, war ich unten durch. Die hatten nur Häme und belächelten mich. Ich gerate auf die Verbrecherlaufbahn, glaubten die von mir, und: »Einer der arbeitsscheu ist und nix g´scheid´s macht.« Künstler werden belächelt – immer noch.

WO LIEGT FÜR DICH DIE BELOHNUNG
TROTZ ALLEM DIESEN WEG ZU GEHEN?
Welche Möglichkeiten bietet Deine freiberufliche Tätigkeit?

Ich konnte mir immer einteilen, wann ich arbeite und kann auch jetzt von meinen Bildern leben. Ruhestand gibt es nicht. Ich lerne immer noch und kann mich verändern und tausche mich mit ganz unterschiedlichen Menschen aus – vielen jüngeren.
Ich kann nicht anders, ich muss das tun (als Künstler arbeiten). Man weiß das mit 12 schon, man »kann nicht aus«, allerspätestens weiß man mit 14: Man ist Künstler. Ich wollte jeden Weg gehen, der nur irgendwie möglich war, um Kunst zu machen. Wenn man tief in sich hört, findet man das Richtige und das muss man tun. Gerade in der Kunst sicher nicht wegen des Geldes. Aber wenn man etwas macht, das man nicht ist, zerbricht man.

Künstler zu sein hört nicht auf.

Ralph kannte schon immer seinen Weg und wuchs als Künstler im Nachkriegsdeutschland. Er arbeitet in seinem Atelier in Schwabing an einer Bilderserie, die demnächst in einem Filmbeitrag erscheinen wird und fertigt in Schwabing auch Auftragsarbeiten an.

Natascha Küderli (*1969) – QUEREINSTEIGER (Photographie/Collagen). 

Das Studium in Amsterdam schneidet und formt Natascha, die einstige Architektur-Pilgerin. Wunden müssen heilen – Herz, Stimme, ihren Gott muss Natascha für sich finden – bis sie dem Weg der Kunst und ihrer Seele folgt.

WER bist Du und WIE war Dein Werden?

Auf meiner Homepage verbinde ich (noch immer) Art & Architecture. Beim Abi zeigten sich zwei besondere Stärken: Kunst und Glaube. Künstler zu sein entwickelte sich durch einschneidende Erlebnisse. Erst 2010 war der Beschluss da, meine Kunst öffentlich zu machen. Meine Leidenschaft lag zunächst anderswo: Mein Geld sparte ich, um den außergewöhnlichen Bauwerken auf der ganzen Welt nachzureisen.

Das Architekturstudium war der logische Schritt. Zu meiner Bewerbung sagte die Architectural Association in London „ja“. Meine Entscheidung fiel dann auf das günstigere Erfurt und auf Amsterdam für den Master. Am renommierten Berlage Institut für Architektur in Amsterdam lag der Fokus damals darauf, den Entwürfen den Anschein intellektueller Tiefe zu verleihen, und soviel Output wie möglich zu produzieren. Ich musste hier sehr viel Theorie aufholen und stand Professoren gegenüber, deren vorrangiges Interesse nicht der Entwicklung und Förderung der Studenten galt.

Der Titel „Master“ blieb mir verwehrt. Ich floh am Ende meines Studiums nach Australien, arbeitete dort als Entwicklungshelferin mit Jugendlichen ohne Perspektive. Mit Burnout ging ich nach einem Jahr zurück nach Amsterdam. Zum Arzt konnte ich nicht. Ich hatte keine Arbeit und keinen Anspruch auf Leistungen der Krankenkasse. Ich über-lebte in Amsterdam von einem Tag zum nächsten.

Dass mein Vater zum Pflegefall wurde, brachte mich zurück nach München. Von April 2003 bis zu seinem Tod im Oktober 2004 pflegte ich ihn. Danach war ich sehr traurig und erschöpft und brauchte Zeit mich zu erholen.

Ich erhielt die Chance, in einem Architekturbüro für Städtebau zu arbeiten. Dies brachte ein monatliches Einkommen und ich lernte viel über Planung und Gestaltung im Städtebau. Durch einen Freund meines Vaters erhielt ich eine Einladung nach Berlin. Ich erlebte die Stadt aus einer anderen Perspektive. Mit einem Mal wusste ich: die Schönheit dieser Stadt will ich weitertragen. Dies wurde mein Antrieb. Es entstand ein preisgekrönter Film (BERLIN – Layers of Movement). 2010 fiel die Entscheidung meine Kunst öffentlich zu zeigen. Gottseidank wusste ich bei dem Film über Berlin nicht, wie viel Arbeit dahintersteckt und wie viel Zeit dies in Anspruch nimmt. – ich es hab einfach gemacht.

FREIHEITEN.

FESSELN. VERZICHT

Welche Hürden musstest du überwinden? Was grenzt dich ein? Was erschwert Dein Leben, womit musst Du Dich arrangieren?

Worauf verzichtest Du?

Es geht darum, wie viel Macht über uns geben wir an etwas oder jemand anderen. Wie schnell kommen wir in die Sklaverei, nur weil wir es in unserem Leben zu etwas bringen wollen. Wir erkennen nicht, dass wir um unser selbst willen geliebt werden und nicht deswegen, weil wir in unserem Beruf Erfolg haben oder erfolgreich sind. Anerkennung bekommen wir für was wir tun, Wertschätzung erhalten wir dafür, wer wir sind.

Meine Grenzen: Ich passte nicht in die Strukturen und Vorstellungen der Professoren und denke, sie waren mit mir überfordert. Das Thema meiner Masterarbeit “Die Seele einer Stadt“ traf auf Unverständnis am Berlage Institut. Klassische Gebäude interpretierte ich anders, z.B. war einer meiner Entwürfe inspiriert durch einen Eisberg. Diese Herangehensweise an Architektur entsprach nicht die der Norm.

Ich veränderte mich, trug Schwarz, trug Männerkleidung und unterwarf mich – in der Masse der übrigen Studenten – dem Urteil der Professoren. Nach dem Scheitern des Studiums konnte ich auch niemand um Hilfe bitten – glaubte ich.

Zweifel begleiteten mich und die Fragen: Wofür mach ich das? Gott, hast du einen Plan für mich?

Manchmal wusste ich nicht, woher sich z.B. die Miete finanziert. Von der Architektur weg hin zur Kunst wurde es nicht leichter. Als Quereinsteiger bin ich nicht den klassischen Weg gegangen, kam nicht von der Akademie der Künste, hatte kein Netzwerk, keinen Zugang zu den Informationen, die hilfreich waren zu den Themen Förderungen, Atelierräume, Ausstellungsmöglichkeiten. Und natürlich ist da noch all das Organisatorische, das mich oft davon abhält, meine Kunst zu machen – Rechnungen, Korrespondenz, Kleinigkeiten des Alltags.

WO LIEGT FÜR DICH DIE BELOHNUNG TROTZ ALLEM DIESEN WEG ZU GEHEN? Welche Möglichkeiten bietet Deine freiberufliche Tätigkeit?

In der Architektur, im Kreativen war ich nicht frei. In meinen Arbeiten als Künstler bin ich das.

Nataschas Collagen, Fotografien und Filme erzählen Geschichten auf besondere Weise. Sie zeigen die Seele einer Stadt und ehren die Schönheit ihrer Motive. Ihr Film „Berlin – Layers of Movement“ hat Preise gewonnen, aber weder Verleih noch Finanzierung.

Der Preis »Best Director of a Short Documentary« als Berlin international Filmmaker Festival Winner 2016 ging an sie..

Sie hat den Weg gewagt, lebt und arbeitet in München. Ein Atelier fand Natascha in der WhiteBox, zusammen mit spannenden anderen Künstlern.

Vom 26.11. – 27.11. von 12 – 20 Uhr sind dort die whiteBOX.ateliers OPEN.