München, Deine Viertel

Westend

Vom Arbeiterviertel zum multikulturellen Meltingpot

Man sieht die Spuren – nicht erst auf den zweiten Blick. Schritt für Schritt. Dazwischen Zögern. Ein Lächeln blitzt und huscht zurück hinter die Fassaden.

Westend.
Nördlich ziehen die Gleise und der Bahnhof die Grenze des Viertels. Nach Süden blickt das Westend auf Sendling und verschmilzt mit dem größeren Schwesterviertel zum Bezirk Schwanthalerhöhe.
Im Viertel – im Westend – zwängen sich Straßen mit alten Namen zwischen Häuser. Stein drängt an Stein, wirft sich den alten Mantel über – Jugendstil, geflickt mit Pragmatismus und wandelbarem Zeitgeist.

Ich stelle mein Rad ab und klebe beinah an der Scheibe fest – erst außen am Café „Marais – Geschmacksachen“ – dann innen. Zwischen Glitzer, Kitsch und Krams, zwischen Schränkchen und Schubladen gefüllt mit 50er-Jahre-Nostalgie, Kaffeegeruch und Essenduft hänge ich an der Vitrine, die mit süßen Sünden lockt.
Letztlich wähle ich und lehne mich ein wenig näher über den Tisch und Teller, und meine Gabel taucht in das Stückerl Backwerk vor mir. Blaubeeren und Sauercreme und Butterteig kitzeln meine Zunge und lenken mich an einem freien Nachmittag aus der Überholspur in den Leben-Modus, selbst wenn mir nur der Blick nach draußen bleibt, statt eines Platzes in der Frühlingssonne.

Irgendwo von kurz unter dem Dach gegenüber, vom dritten, vierten Stock, fällt ein Lächeln herab – auf die drei Freundinnen, die sich mit ihrem Eis die Breite der Straße erobern, auf die Kinderwägen mit ihren Mamas, die Tretrolllernfahrräder, die mit ihren Fahrern spazieren fahren. Am Eck vor der plastikverkleideten Hausbaustelle klemmen sich Jungs und eine Familie ins Fenster des Marais Soir, beschattet von einem Baukran schlemmen sie die kalte Süße der Gelateria von nebenan. Hinter anderen Schaufenstern winkt Neues und Altes – geschneidert und geformt zu Stoffen und Taschen und Schuhen – der Gleichförmigkeit und Markenjagd den Abschied. „Herrenabteilung, Damenabteilung“ mischt Charakter und Kanten und SecondHand.
Ein paar Meter weiter braten mit schläfrigem Blinzeln und Schnurrbart ein paar Herren vorm Dönerladen.
Neben der alten Dame mit Sohn und Rollator haben sich drei Hipster vor dem Café verfangen, schlürfen Cappuccino, schlürfen Sonne, schlürfen Nikotin aus ihren Zigaretten und springen schließlich über die Straße in jenes Marais Soir; ihren Tag beschließend, Austern aus den Schalen und Wein aus Kelchen schlürfend, ihren alten Platz dem Pärchen mit den Rastas und dem Rucksack überlassend.

Motoren bleiben still, wummernde Bässe wagen nicht, das leise Lachen, die Gespräche, das Surren von Fahrrad-Rädern in dem Viertel zu zerschneiden.
Vielleicht hätten die Gleise, der nahe Bahnhof dieses Recht. So wie sie hier liegen mit mehr als 200 Jahren Erinnerung und die Geschichte dieses Viertels tragen.

Keller fräsen sich um 1800 in die Höhe über Sendling, damals noch einem Ort vor Münchens Toren. Sie kühlen das Bier westlich einer alten Stadt, die wächst und mehr und mehr Bewohner lockt und locken will, die sich nach Baugrund in den Westen reckt und streckt.
Dem Viertel werden seine Straßen getauft. Auf Straßenschildern lesen sich Patrizier-Namen und die der Ratsherren, die in den Gründungsjahren der Stadt ihren Wohlstand schufen.
1839 fährt die Bahn aus Richtung Westen ihre Eisen in Münchens Herz und karrt die Industrialisierung an. In Massen kippt sie die Arbeiter aus den Wagons ins Westend, anstelle von Wohlhabenden; und in den Jugendstil-Planwohnraum werden fleißige Ameisen mit ihren Familien gestopft.
Glasscherben knirschen unter den Tritten der Menschen, die hier leben, die hier bleiben. Fabriken und Werkshallen, Gießereien erheben sich; Schwefel schwängert die Luft bis 1857 der Malzgeruch diesen verdrängt:
Therese Wagner, die Witwe, die Brauereichefin, erwirbt Grund an der Landsberger Straße und errichtet die Braustätte der Münchner Traditionsbrauerei. Augustiner.
Lokale, Lichtspiele, Läden und Handwerk kommen. Und wachsen und ziehen die Menschen an, bis der Vorhang fällt. Und gehen. Und vegetieren als Hauch einer Erinnerung hinter blind gewordenen Fenstern, fragend, was aus einer Leere wachsen kann und wird und soll.

Die Häuser begnügen sich mit ihrem geflickten Kleid vom Ende des 19. Jahrhunderts, sie hungern nicht – schon gar nicht nach Glitzer und Glanz. Sie behüten die Träume ihrer Bewohner – Comic-Laden, Polsterei, Schmuckwerkstatt, Kunstgießerei, Posamenten Manufaktur und Einzelhandel wagen sich von hier aus gegen die Großkonzerne.
Vielleicht schielt man hinüber zum Glockenbach, zum Uni-Viertel oder nach Schwabing. Doch dann reibt man sich die Augen über all die Anstrengung, die in den Fassaden steckt, und die manchmal trotzdem nur Leere lässt – bei dem, was sich dahinter verbirgt.

Die Weissagung eines nächsten In-Viertels sieht sich alle paar Jahre in den Straßen um. Dann findet sie Platz in einem der Cafés, neben der alten Rollator-Dame, den Kinderwägen und den Hipstern. Und lächelt, ehe sie weiterzieht – über die Spuren der Vergangenheit und die Narben; über die Freundlichkeit, mit der man sich hier begegnet und den unaufgeregten Mut, ohne den Zwang In-sein zu müssen.
Fakten:
Wo?
Das Westend ist Teil des Bezirks Schwanthalerhöhe, zweitkleinster Stadtbezirk. Grenzen: Theresienhöhe, Bahngleise
Was?
Historisch? Planviertel für Wohlhabende, Industrialisierung und Eisenbahn macht es zum Arbeiterviertel
Aktuell? Charmantes Wohnviertel für Familien
Zukünftig? buntes Viertel mit liebenswerter Lebensart, weil es nie wirklich hip sein muss

Lieblingslocations?
Essen:
La Kaz, Ligsalz-/Kazmeirstr.
Osteria Bianchi, Gollierstr.
Das neue Kubitschek, Gollierstr.
Cafe Marais, Parkstr.
Marais Soir, Schwanthalerstr.
Aus&davon:
u4/u5 😉

Quellen: westendonline.info/Wikipedia/Recherche