München, Deine Viertel

Glockenbach

Ringe, Glocken, Galgenfristen – für Felix

Lassen Sie sich nicht stören …  So steht es da. Auf dem Zettel. Der Zettel, der da an der Ecke hofft und bangt, vom Richtigen gefunden zu werden. Dem Zettel, der hofft, dass Verlorenes möge zurückgegeben werden. Von Felix. Dem Unfindbaren.

Im Glockenbach.

Also … im Glockenbachviertel, um hier mal präzise zu sein. Und irgendwie hört es dann auch schon wieder auf – mit der Präzision.

Glockenbachviertel.

Da springen die FrühlingsSommerBlumen auf im Kopf und Sommernächte mit diesem hopfigen München-Accessoire in der Hand, das den Durst löscht und den Brand befeuert – auf jenem kreisrunden Kreisel mit seinem Straßen-Stern im Schatten vor diesem Theater des Spätklassizismus.

Nicht.

Denn dann ist– präzise gesagt – das Glockenbach schon vorbei. Man ist eben nicht da, wo man geglaubt hat zu sein. Also kein Wunder, dass auch Felix da mal verloren geht.

Also von vorn.

Glockenbachviertel. Was (ist es), Wie (geht man aus), Wo (geht es hin), Warum?

Die Isar tobte und jagte, schoß ihre Wassermassen als Seitenarme gegen – und weiter in – die Stadt München. Mit Hochwassern flutete und zerriss sie, was erste Ansiedlungen waren, begehrte auf gegen die Versuche, sie zu bändigen und ihr Rauschen in Ketten zu legen. Zunächst.

Baumstamm an Baumstamm – bearbeitet und getrimmt mit Äxten, mit Tauen aneinander geschnürt zu einem Floß – fand der Flösser einen Weg mit dem Fluss. Die Isar riss daran, sie zerrte, warf ihre Wellen gegen ihn und das Gefährt, ihre Nässe biss in seine Haut. Den Schlapphut ins Gesicht gezogen packte er seinen Haken und stemmte sich gegen sie und ihre Wildheit. Der Flösser schiffte sich weiter ihren Seitenarm hinauf, den Westermühlbach, in Richtung jenes Münchens, das es bis 1854 war; dorthin wo die damalige Stadt im Westen endete – vor dem Sendlinger Tor.

Ab 1476 schipperten die Flösser gut zweihundert Jahre lang vorbei an diesem einen Gießhaus. Bis 1671 goß es seine Glocken am Rande jenes Baches, der aus dem Westermühlbach kam und ab dieser Stelle neu getauft war. Die Männer stakten ab 1563 an jenem Pestfriedhof vorbei, auf dem – als Südfriedhof – Carl Spitzweg seine letzte Ruhe fand, bis  zur „Lände“ – dem heutigen Platz „Am Glockenbach“.

Sie landeten ihre Waren an – vor allem Holz. Fleißige Hände verarbeiteten es vor Ort, verbauten es – vielleicht auch im „Pechwinkel“ zwischen Baumstrasse und Palmstrasse bei den ersten Siedler in der Isarvorstadt – den Pechsiedern. Was nicht gebraucht wurde, reiste weiter.

Über die Seitenarme der Isar – in die vielen Stadtbäche – strömte in milden Zeiten Leben für Müller und Gärtner, für Wäscher, Bleicher, Zimmerleute, Floßbauer, Pferdehändler, Tagelöhner – um es mit ihrem Hochwasser zu entreißen und besonders zwischen Glockenbach und Isar, zwischen Müllerstrasse/Fraunhoferstraße und eigentlich sogar bis zur Thalkirchnerstraße des Dreimühlenviertels der Grenzen zu erinnern, die sich das Glockenbach gibt – als Teil des Bezirks Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt.

1806 änderte sich Bayerns Aufstieg zum Königreich das Gesicht der Stadt Münchens.

Doch die Isar zögerte im Glockenbach diese Veränderung hinaus. Um ihr Dornröschen hatte sie Hochwasser (anstelle der Dornenhecke) gelegt und verhinderte dichtere Besiedlung. Lange schlief das Glockenbach – gelegentlich vielleicht unruhiger aufgrund der angesiedelten Industrie–  und träumte. Vielleicht auch schon immer bunter.

Vom Hochwasser oft genug geläutert, bot das Kleine-Leute-Viertel seinen Kindern Platz und Schutz – den Ausgelachten, den Verschmähten, den Gefallenen: Juden, Künstlern, einfachen Arbeitern, Prostituierten, Frei-Denkern. Kulturen und Einflüsse konnten sich ansiedeln. Erst gegen 1850 wagte sich die Stadtplanung in das Viertel und küsste Dornröschen wach. 1874 lebte die Gesellschaft ihre Nacht und ihre Dramen im Theater Colosseum an der Ickstattstrasse, bis 1961 ein Zweckbau die Stätte samt ihrer Legenden verschlang. Um 1900 zog der Neobarock die Wohlhabenden in die Hans-Sachs-Strasse und beim Flanieren durch den Straßenzug, verschenkt er noch die Erinnerung daran.

Das Glockenbach sammelte sich aus allen Kartenspielen, was ihm gefiel – nicht einfach nur das, was „passte“ – und mischte gut durch.

Die Liberalisierung der 1920er schwemmte noch mehr Offenheit auf den fruchtbaren Boden. Gesellschaftliche und sexuelle Tabus setzte sie kurzerhand unter Wasser. In diesen Fluten schlingerte auch Unrat mit. Angst und Terror erschlichen sich die Herrschaft in Richtung der 1930. Der Nationalsozialismus zerstörte die Entfaltung des Viertels, vernichtete die Andersdenker, die Menschen, die wagten politisch, sozial, gesellschaftlich andere Stimmen zu haben – Juden, Gewerkschaftler, Homosexuelle. Die NS transportierte seine Gegner ins Konzentrationslager nach Dachau – in Schutzhaft, und meistens in den Tod.

Nach dem Feuer und den Bomben des 2. Weltkriegs hatten viele alte Firmengebäude ausgedient. Sie wichen Wohngebäuden, günstigem Wohnraum. Schutzraum.

Künstler, Freischaffende, Bars und Kneipen ab den 1980ern fanden ins Glockenbach – und wie zuvor auch Jene, deren Leben und Interessen der Gesellschaft fremd oder stigmatisiert war. Die Funken unterschiedlicher Lebensweisen formten und brannten Ecken und Kanten – den Charakter des Glockenbach: In der alten Weinstube an der Fraunhoferstraße sang Gerti in der Schoppenstube mit ihren Gästen spät abends/früh morgens der Nacht das Willkommen und den Abschiedsgruß, ein paar Meter weiter im abbruchreifen Bau tanzte sich Münchens Zukunft die Einsamkeit aus der Seele und/oder neue Ideen und Freundschaften in den Kopf. Der Dämmer der RubyBar urteilte nicht, ob die Jeans abgeranzt war, Chucks statt Highheels die Füße trugen, das MakeUp vergessen wurde.

Natürlich kommt es vor, man verläuft sich im Gockenbach. Man wägt seine Möglichkeiten ab, hängt Zettel aus und schreibt Worte. Jemand sucht Felix und einen vergessenen Ring; sucht den Weg, der nicht mehr zu finden ist.

Ob der Ring sich jemals gefunden hat? Hatte Felix den Mut ihn zurückzubringen? Im Sommer 2015 blitzte die Suche im Social Media auf, brachte Rätsel, brachte Schmunzeln.

So ist es im Glockenbach: man beginnt. Nicht immer weiß man, wo es hinführt, oder wohin man möchte. Man stolpert und bricht sich dabei das Herz. Das passiert. Man hatte einen Platz gefunden, an dem man die Regeln selber schreiben durfte – glaubte man. Hoffte man.

Bis jemand sagte, es sei nicht genug.

Bis die Abrissbirne kam. Die Eigenheiten platt und glatt zu schleifen, gleich zu machen, wo ein Ungleichnis wohl tat – wohl getan hätte. Unangepasstes wird ersetzt durch Fassaden aus einem Guss. Ein Guss Austauschbarkeit. Luxuswohnungen, die schnell viel Geld in die Taschen einiger Investoren spülen. Der einfache Weg.

Wer wagt es schon? Wer baut Zukunft aus funkelnden Ideen, aus Mut und Willen und einem liebevollen Blick auf die Narben, in denen letztlich soviel mehr an Schönheit liegt – und soviel mehr an Möglichkeit.

Möglichkeit, die hilflos vor Zahlenbergen steht, nicht berechenbar ist. Möglichkeit, die sich nach Jahrhunderten des Schaffens ins Korsett der Investoren, der Kalkulierenden, der Sicherheitsverfechter und Anwälte zwängen muss.

Lassen sie sich nicht stören … bis ihr Leben und ihr zu Hause von anderen gefunden und gestaltet wird.

Fakten:

Wo?

Das Glockenbachviertel ist Teil des Bezirks Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt, offiziell zählt auch noch das Dreimühlenviertel zum Glockenbach. Grenzen: Südfriedhof, Thalkirchnerstr., Müllerstr./Fraunhoferstr., Isar.

Was?

Historisch? von vielen Stadtbächen durchzogenes Gewerbe- und Wohnviertel kleiner Leute, Szeneviertel/Schwulenviertel, Künstlerviertel

Aktuell? Szeneviertel, hippes – und leider teueres – Wohn- und Ausgehviertel

Zukünftig? Luxuswohnungen  und Lifestyle vertreiben Charakter, Künstler und Szene

Lieblingslocations?

Essen:

Schneewittchen, am Glockenbach

Cooperativa, Jahnstrasse

Hey Luigi, Holzstr.

Aroma, Pestalozzistr.

Aus&davon:

Lola, Ickstattstrasse

Milla, Holzstr.

Quellen: Glockenbacher.de/Wikipedia/Recherche